| |
Wie unkompliziert die beiden Tiroler Unternehmen bei der gegenseitigen
Lehrlingsausbildung zusammenarbeiten, erklärt Paul Gürtler,
Leiter der Lehrlingsausbildung bei TYROLIT: „Im Normalfall
genügt ein Telefonat für die zeitliche Abstimmung und
die Sache ist erledigt“. Die Schulungen haben einen Umfang
von drei Tagen bis zu einer Woche, werden per Zeitkonto und ohne
Geld gegenseitig verrechnet.
Doch nicht immer funktioniert der direkte Austausch zwischen zwei
Unternehmen nach dem Motto: „Zwei Lehrlinge von dir für
eine Woche in meinem Betrieb, zwei von mir in deiner Werkstatt.“
Es kann auch, wie beim burgenländischen Kleinbetrieb Leidl
& Emmer Raumausstatter Ges.m.b.H., nur ein Unternehmen
die Verbundausbildung übernehmen.

ABBILDUNG 3: Einseitiger Lehrlingsaustausch
Für einen befreundeten Tapeziererbetrieb,
der keine Bodenleger-Arbeiten durchführt, übernahm Lehrlingsausbilder
Viktor Emmer die Ausbildung zweier junger Damen in diesem Bereich.
Pro Lehrjahr verbrachten die Lehrlinge sechs Wochen im Betrieb des
Fit for Future Teilnehmers. Emmers Erfahrungen
im Ausbildungsverbund: „Es ist zwar etwas mehr Aufwand,
aber als kleines Unternehmen mit zwei Mitarbeitern und einem Lehrling
sind wir relativ flexibel. Man stellt sich eben darauf ein und versucht,
den jungen Menschen so viel beizubringen, wie das in sechs Wochen
möglich ist“.
Das Modell dieser Ausbildungs-Kooperation, bei dem nur ein Anbieter
die Lehrlinge eines oder mehrerer Partner gegen Entgelt ausbildet,
lässt sich auch auf Großbetriebe anwenden, die Kapazitäten
in ihrer Lehrwerkstatt frei haben und es deshalb verschiedenen Unternehmen
ermöglichen können, bestimmte Ausbildungsabschnitte auszulagern.
Ebenso ist es möglich, dass Ausbildungen nicht in Betrieben
sondern bei verschiedenen Kurs- und Seminaranbietern absolviert
werden.
Mit der Gründung eines Vereins, der Ausbildungsverbünde
zwischen Anbietern und Nachfragern organisiert, hat Oberösterreich
mit dem Firmenausbildungsverbund Oberösterreich (FAV
OÖ) ein Modell geschaffen, das sich als sehr erfolgreich
erwiesen hat (--> 4.3.1) und auf ähnliche Weise auch in
Tirol (Ausbildungsverbund Tirol avt) umgesetzt
wird.
Die übergeordneten Einrichtungen vermitteln zwischen
Ausbildungsanbietern (Unternehmen, Bildungseinrichtungen)
und Betrieben, die ihre junge Mannschaft in einem
Ausbildungsverbund qualifizieren möchten. Diese Form der Ausbildungskooperation
ist in Österreich zahlenmäßig am erfolgreichsten.
Allein im FAV OÖ sind 600 Ausbildungsbetriebe Mitglied. Die
beiden landesweiten Ausbildungsverbünde, getragen von Land
und Sozialpartnern, erbringen noch viele andere Leistungen für
ihre Betriebe (-->http://www.favooe.at
und http://www.ausbildungsverbund.at).
ABBILDUNG 4: Landesweite Ausbildungsverbünde in Oberösterreich
und Tirol

Die Erfolgsstrategie der landesweiten Ausbildungsverbünde
zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Fit for Future Teilnehmer
Mitglied bei FAV OÖ oder avt sind.
So schätzt auch Paul Gürtler, Ausbildungsleiter beim Fit
for Future Preisträger TYROLIT Schleifmittelwerke
Swarovski KG, den avt als Anlaufstelle für Betriebe:
„Der Ausbildungsverbund informiert uns darüber, wo
welche Qualifizierungsbausteine existieren und angeboten werden.
Der Rest hängt vom Engagement der Partnerbetriebe ab“.
ARTEN VON AUSBILDUNGSVERBÜNDEN
Die Einrichtung von Ausbildungsverbünden ist seit 1993 per
Gesetz geregelt, das zwei Arten von Verbundausbildungen vorsieht,
den verpflichtenden und den freiwilligen
Ausbildungsverbund.
Verpflichtender Ausbildungsverbund
Ein Ausbildungsverbund ist unbedingt erforderlich, wenn der Ausbildungsbetrieb
nicht alle Berufsbildinhalte selbst vermitteln kann. Die
notwendige Modernisierung eines Berufsbildes kann zB einen verpflichtenden
Ausbildungsverbund notwendig machen: Beim Vorarlberger Fit for
Future Preisträger Collini GmbH (Metallveredelung
und Eloxalwerk) etwa wurden die Betriebselektriker/innen in der
Vergangenheit komplett im Unternehmen ausgebildet. Beim Nachfolgeberuf
Anlagenelektrik sind auch Grundkenntnisse in der Metallverarbeitung
gefragt: Statt eigene Drehmaschinen und Fräsmaschinen nur für
die Lehrlingsausbildung anzuschaffen, schickt Ausbildungsleiter
Guntram Obwegeser die künftigen Anlagenelektriker/innen zur
Zulieferfirma Nachbaur, mit der der Vorarlberger
Metallveredelungsbetrieb schon seit langem zusammenarbeitet. Die
Organisation dieser kooperativen Lehrlingsausbildung ist laut Obwegeser
„überhaupt nicht aufwändig“. Der Einsatz der
Collini-Lehrlinge im Partnerunternehmen wird je nach Auftragslage
kurzfristig vereinbart.
Freiwilliger Ausbildungsverbund
Ein Ausbildungsverbund liegt aber auch dann vor, wenn es nicht nur
um die Erfüllung des Berufsbildes eines Lehrberufes geht, sondern
um die sinnvolle Ergänzung oder Vertiefung der Ausbildung
über das Berufsbild hinaus. Dazu gehören weitere
Fachausbildungen in einem Partnerbetrieb, Fachseminare
oder Kurse und Workshops zur Förderung von Schlüsselqualifikationen
bei verschiedenen Bildungsanbietern (--> Erfolgsfaktor 2 und
3).
KOSTEN UND FINANZIELLE FÖRDERUNGEN
Die Unternehmen haben für die Qualifizierung der Lehrlinge
innerhalb eines Ausbildungsverbundes zumindest
einen zusätzlichen organisatorischen Aufwand zu bewältigen.
Die durch die Verbund-ausbildung entstehenden Kosten (zB Kursgebühren,
Fahrtkosten) sind vom Lehrbetrieb zu bezahlen.
Die gute Nachricht: Es gibt eine Vielzahl von finanziellen und organisatorischen
Unterstützungen für jene Firmen, die mit einer Verbundausbildung
in die Zukunft ihrer Mitarbeiter und ihrer Unternehmen investieren.
Im günstigsten Fall decken diese finanziellen Förderungen
sämtliche zusätzliche Kosten der Verbundausbildung ab.
Auskünfte zu den verschiedenen Förderungen: --> http://wko.at/lehrlinge
und bei den Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammern.
|