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4.2.2 Ein Plus für Unternehmen und Lehrlinge: Ausbilden im Verbund

Mehrere tausend Lehrlinge haben von einer Ausbildung im Verbund schon profitiert – und es werden jährlich mehr. Die Idee der Verbundausbildung ist bestechend einfach: Was die eigene Firma nicht vermitteln kann, das übernimmt der Partnerbetrieb oder ein externer Bildungsanbieter.

Die Zusammenarbeit mit anderen Firmen bietet sich immer dann an, wenn bestimmte Tätigkeiten nicht (oder nicht mehr) im Betrieb verrichtet werden, die Lehrlingsausbildung aber weiter (oder zum ersten Mal) durchgeführt werden soll. Im Verbund mit einem anderen Unternehmen lässt sich dieses Problem lösen: Der Partner übernimmt diesen Ausbildungsabschnitt. Ein Ausbildungsverbund ermöglicht aber auch die Ausbildung der Lehrlinge über das eigentliche Berufsbild hinaus. Betriebe bieten damit ihren Lehrlingen weit mehr als eine vorgeschriebene Berufsausbildung.


WIE KÖNNEN AUSBILDUNGSVERBÜNDE ORGANISIERT SEIN?


Grundsätzlich genügen zwei Lehrbetriebe, um einen Ausbildungsverbund zu gründen. Im Idealfall treten die Partner als Anbieter und als Kunden gleichzeitig auf, wie bei der TYROLIT Schleifmittelwerke Swarowski KG und der Firma Geiger GmbH (Tiroler Trachtenerzeuger), die in einem freiwilligen Ausbildungsverbund (--> Arten von Ausbildungsverbünden) ihre Lehrlinge zusätzlich mit Spezialwissen ausstatten. Die TYROLIT-Lehrlinge bilden sich in Sachen Elektronik weiter, die Geiger-Lehrlinge im Bereich mechanische Grundlagen und Metallverarbeitung. Quantitativ gesehen bildet dieser direkte und
selbst organisierte Lehrlingsaustausch zwischen zwei Ausbildungsbetrieben heutzutage allerdings eher die Ausnahme.


ABBILDUNG 2: Gegenseitiger Lehrlingsaustausch
 
 


Wie unkompliziert die beiden Tiroler Unternehmen bei der gegenseitigen Lehrlingsausbildung zusammenarbeiten, erklärt Paul Gürtler, Leiter der Lehrlingsausbildung bei TYROLIT: „Im Normalfall genügt ein Telefonat für die zeitliche Abstimmung und die Sache ist erledigt“. Die Schulungen haben einen Umfang von drei Tagen bis zu einer Woche, werden per Zeitkonto und ohne Geld gegenseitig verrechnet.

Doch nicht immer funktioniert der direkte Austausch zwischen zwei Unternehmen nach dem Motto: „Zwei Lehrlinge von dir für eine Woche in meinem Betrieb, zwei von mir in deiner Werkstatt.“ Es kann auch, wie beim burgenländischen Kleinbetrieb Leidl & Emmer Raumausstatter Ges.m.b.H., nur ein Unternehmen die Verbundausbildung übernehmen.


ABBILDUNG 3: Einseitiger Lehrlingsaustausch

Für einen befreundeten Tapeziererbetrieb, der keine Bodenleger-Arbeiten durchführt, übernahm Lehrlingsausbilder Viktor Emmer die Ausbildung zweier junger Damen in diesem Bereich. Pro Lehrjahr verbrachten die Lehrlinge sechs Wochen im Betrieb des Fit for Future Teilnehmers. Emmers Erfahrungen
im Ausbildungsverbund: „Es ist zwar etwas mehr Aufwand, aber als kleines Unternehmen mit zwei Mitarbeitern und einem Lehrling sind wir relativ flexibel. Man stellt sich eben darauf ein und versucht, den jungen Menschen so viel beizubringen, wie das in sechs Wochen möglich ist“.

Das Modell dieser Ausbildungs-Kooperation, bei dem nur ein Anbieter die Lehrlinge eines oder mehrerer Partner gegen Entgelt ausbildet, lässt sich auch auf Großbetriebe anwenden, die Kapazitäten in ihrer Lehrwerkstatt frei haben und es deshalb verschiedenen Unternehmen ermöglichen können, bestimmte Ausbildungsabschnitte auszulagern. Ebenso ist es möglich, dass Ausbildungen nicht in Betrieben sondern bei verschiedenen Kurs- und Seminaranbietern absolviert werden.

Mit der Gründung eines Vereins, der Ausbildungsverbünde zwischen Anbietern und Nachfragern organisiert, hat Oberösterreich mit dem Firmenausbildungsverbund Oberösterreich (FAV OÖ) ein Modell geschaffen, das sich als sehr erfolgreich erwiesen hat (--> 4.3.1) und auf ähnliche Weise auch in Tirol (Ausbildungsverbund Tirol avt) umgesetzt wird.

Die übergeordneten Einrichtungen vermitteln zwischen Ausbildungsanbietern (Unternehmen, Bildungseinrichtungen) und Betrieben, die ihre junge Mannschaft in einem Ausbildungsverbund qualifizieren möchten. Diese Form der Ausbildungskooperation ist in Österreich zahlenmäßig am erfolgreichsten. Allein im FAV OÖ sind 600 Ausbildungsbetriebe Mitglied. Die beiden landesweiten Ausbildungsverbünde, getragen von Land und Sozialpartnern, erbringen noch viele andere Leistungen für ihre Betriebe (-->http://www.favooe.at und http://www.ausbildungsverbund.at).


ABBILDUNG 4: Landesweite Ausbildungsverbünde in Oberösterreich und Tirol

Die Erfolgsstrategie der landesweiten Ausbildungsverbünde zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Fit for Future Teilnehmer Mitglied bei FAV OÖ oder avt sind.

So schätzt auch Paul Gürtler, Ausbildungsleiter beim Fit for Future Preisträger TYROLIT Schleifmittelwerke Swarovski KG, den avt als Anlaufstelle für Betriebe: „Der Ausbildungsverbund informiert uns darüber, wo welche Qualifizierungsbausteine existieren und angeboten werden. Der Rest hängt vom Engagement der Partnerbetriebe ab“.


ARTEN VON AUSBILDUNGSVERBÜNDEN


Die Einrichtung von Ausbildungsverbünden ist seit 1993 per Gesetz geregelt, das zwei Arten von Verbundausbildungen vorsieht, den verpflichtenden und den freiwilligen Ausbildungsverbund.

Verpflichtender Ausbildungsverbund
Ein Ausbildungsverbund ist unbedingt erforderlich, wenn der Ausbildungsbetrieb nicht alle Berufsbildinhalte selbst vermitteln kann. Die notwendige Modernisierung eines Berufsbildes kann zB einen verpflichtenden Ausbildungsverbund notwendig machen: Beim Vorarlberger Fit for Future Preisträger Collini GmbH (Metallveredelung und Eloxalwerk) etwa wurden die Betriebselektriker/innen in der Vergangenheit komplett im Unternehmen ausgebildet. Beim Nachfolgeberuf Anlagenelektrik sind auch Grundkenntnisse in der Metallverarbeitung gefragt: Statt eigene Drehmaschinen und Fräsmaschinen nur für die Lehrlingsausbildung anzuschaffen, schickt Ausbildungsleiter Guntram Obwegeser die künftigen Anlagenelektriker/innen zur Zulieferfirma Nachbaur, mit der der Vorarlberger Metallveredelungsbetrieb schon seit langem zusammenarbeitet. Die Organisation dieser kooperativen Lehrlingsausbildung ist laut Obwegeser „überhaupt nicht aufwändig“. Der Einsatz der Collini-Lehrlinge im Partnerunternehmen wird je nach Auftragslage kurzfristig vereinbart.

Freiwilliger Ausbildungsverbund
Ein Ausbildungsverbund liegt aber auch dann vor, wenn es nicht nur um die Erfüllung des Berufsbildes eines Lehrberufes geht, sondern um die sinnvolle Ergänzung oder Vertiefung der Ausbildung über das Berufsbild hinaus. Dazu gehören weitere Fachausbildungen in einem Partnerbetrieb, Fachseminare
oder Kurse und Workshops zur Förderung von Schlüsselqualifikationen bei verschiedenen Bildungsanbietern (--> Erfolgsfaktor 2 und 3).


KOSTEN UND FINANZIELLE FÖRDERUNGEN


Die Unternehmen haben für die Qualifizierung der Lehrlinge innerhalb eines Ausbildungsverbundes zumindest einen zusätzlichen organisatorischen Aufwand zu bewältigen. Die durch die Verbund-ausbildung entstehenden Kosten (zB Kursgebühren, Fahrtkosten) sind vom Lehrbetrieb zu bezahlen.

Die gute Nachricht: Es gibt eine Vielzahl von finanziellen und organisatorischen Unterstützungen für jene Firmen, die mit einer Verbundausbildung in die Zukunft ihrer Mitarbeiter und ihrer Unternehmen investieren. Im günstigsten Fall decken diese finanziellen Förderungen sämtliche zusätzliche Kosten der Verbundausbildung ab.

Auskünfte zu den verschiedenen Förderungen: --> http://wko.at/lehrlinge und bei den Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammern.